Nino Haratischwili
Als ich in Tiflis in den Innenhof zu meiner Wohnung biege - es ist kurz nach elf und schon dunkel, ich war Zigarettenholen: unsichtbar, still, mit sich genauso still und unsichtbar bewegenden Menschen -, höre ich ein merkwürdiges Flüstern. Eine Schar von Frauen und Männern sitzt auf den Bänken und unterhält sich, aber in Georgien unterhalten sich Menschen normalerweise laut und gestikulierend, man hört sie aus zehn Metern Entfernung. Jetzt sitzen sie geduckt und flüstern. Man hört einzelne Wörter, in denen es immer wieder um das Gleiche geht: um Fassungslosigkeit, Ungewissheit. Die letzten fünf Tage haben die Gesten und den Tonfall verändert, ganz zu schweigen von der Verfassung der Menschen.
Ich habe das Gefühl, dass in Tiflis keiner mehr schlafen will oder kann. In den Höfen hat man kleine "Nachtwächtergruppen" gebildet, die den Schlaf der Kinder beschützen. Die Kinder liegen alle angezogen in ihren Betten, mit gepackten Taschen daneben: für den Fall eines Bombardements, für den Fall, dass sie fliehen müssen.
Seit der Eskalation des Konflikts zwischen Russland und Georgien - fast keiner spricht mehr von Tschinwali und Ossetien, davon, worum es eigentlich am Anfang ging - hat sich viel verändert. Obwohl es nur fünf Tage sind, erscheint es mir als eine Ewigkeit.
Es erscheint mir unfassbar, das all das hier wirklich geschieht: in Georgien, in einem Land, in dem Gastfreundschaft heilig ist, in dem man mit Wein und Gesang alle Konflikte ausräumen kann. Oder konnte. In einem Land, in dem man Dostojewski und Tschechow genauso liebt wie die eigenen Schriftsteller.
Die Gefasstheit der Menschen macht mir Angst. Wie sie einfach nur nicken und schweigen und versuchen, ihren Alltag zu meistern; nur ab und zu schütteln sie den Kopf oder fangen, vor den Fernsehbildschirmen sitzend, zu weinen an. Sie demonstrieren und singen und lachen dabei.
Ja, wir lachen noch.
Dienstagnacht schlugen auch in Tiflis Bomben ein. Es war gegen halb fünf in der Früh. Ich habe nicht geschlafen, und ich denke, ich war eine von vielen. Man hörte auf einmal die Flieger, das befremdliche Summen, dann gab es einen Knall. In den wenigen Sekunden zwischen dem Gekreisch und dem Warten auf den Knall versuchte ich einfach nur zu erraten, wo die Bombe fällt, welche Menschen, Freunde, Familienmitglieder sie treffen wird.
Die Angst verändert nicht nur den Tonfall und die Gesten, sie ändert alles. Sie scheint alles nichtig zu machen, sinnlos: die Arbeit, die Werte, das, was man liebt. Aber vielleicht macht einen die Angst, wenn man ihr eine Weile standhält, auch furchtlos. Vielleicht.
Anders kann ich mir nicht erklären, wie das sein kann: dass wir um fünf in der Früh in unserem Wohnzimmer sitzen, meine Familie, unsere Nachbarn und ich, und Kaffee trinken und darauf warten, dass die nächste Bombe fällt - und dabei noch lachen können. Als der Nachbarjunge aus dem Internet erfährt, dass die Bombe auf einen Kontrollpunkt für Passagierflugzeuge geworfen wurde und es keine Toten gab, macht er eine Bemerkung, auf die wir so laut lachen, dass ich mich wieder zu Hause fühle: im Land des lauten und zügellosen Gelächters. Der Junge sagt: Der Flieger sei so niedrig geflogen, dass er dem Pilot die Hand hätte schütteln können.
Auch heute Nacht hoffen wir, dass wir am Morgen noch lachen können.
In den ersten Tagen sagte man: der Süden sei sicher. Dann hieß es: es sei der Westen. Heute merkt man, wie sich alle mit der Lage abgefunden haben. Keiner spricht mehr von Flucht oder davon, sich irgendwo bei Verwandten auf dem Land zu verstecken. Niemand will irgendwo anders hin - bis auf die Eltern, die ihre Kinder in die Sommerferien mit ihren Großeltern aufs Land geschickt haben und nun nicht zu ihnen kommen können: weil Straßen gesperrt sind, überall russische Panzer stehen, weil man nicht weiß, wo die nächste Bombe fällt. Diese Eltern denken nur an eins: Sie wollen nach Gori, in die zu Schutt und Asche zerbombte Stadt und die Dörfer herum: um ihre Kinder zu holen, die sich mit den Großeltern in Kellern verstecken.
Ich lebe im Westen, ich pendle zwischen den Welten: zwischen meiner Arbeit in Deutschland und den heißen georgischen Sommern. Der Krieg ist mir dennoch nicht fern. Die Generation meiner Eltern ist fast gänzlich an Abchasien, dem russischen Militär, an Heroin, an Arbeitslosigkeit, an Chaos, an Perspektivlosigkeit oder an Emigration zerbrochen. Meine Generation hat es trotz allem geschafft - zu überleben und erwachsen zu werden. Die Mütter und Väter, die noch da waren, haben uns durchgebracht: durch Dunkelheit, Inflation, Armut und Hunger. Wir haben sogar Fremdsprachen gelernt, westliche Kultur, ab und zu sogar einmal unsere Chancen ergriffen.
Wir erinnern uns an die Einschulung 1989 - und damit an die russischen Panzer in Georgien, als wir den Austritt aus der zerfallenden Sowjetunion verlangten. Als der Aufstand der Zivilbevölkerung mit Macheten und Gewehren niedergeschlagen wurde. Wir erinnern uns, wie unsere Stadt brannte. Wir erinnern uns an die Neunziger: an Tschinwali und an Abchasien, als unser Land gegen sich selbst kämpfte, als auch dort die russischen Panzer eintrafen und der Krieg zu tausenden Toten, tausenden Flüchtlingen und tausenden Verzweifelten führte.
Wir erinnern uns an unsere Jugend: in einem freien, aber armen und korrupten Land unter Schewardnadse. Wir erinnern uns an die Rosenrevolution und die ganzen Umwälzungen, die darauf folgten. Sie waren nicht ohne Fehler und immer noch fern von europäischer Demokratie. Aber es waren unsere Umwälzungen. Ohne Nachhilfe von russischen Panzern.
Man nennt uns die Kinder der verlorenen Generation. Jetzt will jeder Nacht für Nacht die Wache in den Höfen halten, damit die Kinder von heute ihre Eltern dereinst nicht auch als verloren bezeichnen müssen.
Georgien ist müde. Georgien will einfach nur seinen Frieden.
Jeder Konflikt besteht aus Tausenden von Aspekten, und es gibt Tausende von Interessen, die eine Rolle spielen. Aber die Städte, die zerbombt werden, die Menschen, die getötet, verwundet oder vertrieben wurden, haben damit nichts zu tun. Kein Interesse von keiner Seite kann das alles rechtfertigen.
Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass Russland wieder zu seinem einstigen Imperialismus zurückkehren will - weswegen Gebiete, die seit Urzeiten zu Georgien gehörten wie Abchasien und die Tschinwaliregion, nun wieder von den Russen kontrolliert werden. Und weswegen sie an Ossetier und Abchasen russische Pässe verteilen - unter dem Vorwand, so die ethnischen Minderheiten zu schützen. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass Russland die Pipelines, die durch Georgien ans Schwarze Meer führen, nicht unkontrolliert lassen will. Oder ob es einfach die jetzige georgische Regierung ist, die der russischen Regierung missfällt. Können all diese Gründe wirklich erklären, warum das passiert ist, was in den letzten Tagen passierte?
Wir sind ein uraltes Volk, ein uraltes Land. Wir müssen Fehler machen dürfen und aus unseren Fehlern lernen können, ohne Angst zu haben, dass man uns gleich okkupiert. Im Juli, als ich hier ankam, um den Sommer zu genießen, waren alle Optimisten. Alle versuchten ihr Leben zu meistern, was auch ohne russische Panzer nicht einfach ist - nach 70 Jahren Kommunismus und 15 Jahren Chaos. Trotzdem waren die Menschen zuversichtlich. Heute gehe ich durch die Stadt und sehe finstere Mienen, ausweichende Blicke.
Es herrscht Ungewissheit heute Nacht. Manche sprechen von russischen Panzern vor Tiflis, manche sagen, es sei unsere Armee, die uns schütze. Manche sprechen davon, dass der Internationale Flughafen bombardiert werden soll. Manche sprechen von einer Blockade. Und manche fürchten sich davor, dass es in den Läden bald kein Essen mehr zu kaufen gibt. Manche schweigen einfach nur und leben von Stunde zu Stunde, von einer Nachrichtensendung bis zur nächsten.
Anrufe und Mails erreichen mich aus Europa, und ich gebe die Anteilnahme weiter. Hier fragen mich die Menschen, wie Europa reagiert. Ich frage das meine Freunde dort, und sie zucken mit den Schultern. Georgier wie Europäer glauben nicht daran, dass der Westen sich wegen uns mit Russland anlegt. Und man schaut einfach voller Entsetzen weiterhin auf die Leichen, die Verwundeten, die Flüchtlinge im Fernseher.
Man fragt mich auch, ob es nicht besser wäre, schnellstmöglich nach Deutschland zurückzufliegen und sich dort in Sicherheit zu bringen. Abgesehen davon, dass der Luftverkehr eingestellt ist, dass keine westliche Linie mehr das Land anfliegt - ich stelle mir diese Frage auch. Zurück in den Westen, in meinen sicheren Hafen . All diese Nächte und Nachtwachen zurück lassen und einfach nur schlafen .
Ich habe mich bis jetzt nicht unbedingt für eine blinde Patriotin gehalten. Ich lebe schließlich seit Jahren in Europa und fühle mich dort wohl. Ich habe kritische Gespräche mit Freunden in Deutschland über mein Land und dessen Politik geführt, aber immer bei einem guten Glas Sauvignon oder in einer schönen Runde, bei einem guten Italiener. Niemals in einer zerbombten Stadt, mit Leuten, die nicht wissen, was die nächsten Minuten mit sich bringen. Jetzt merke ich, dass ich hier fest sitze. Ich kann nicht fort. Selbst wenn ich einfach so gehen könnte, ich täte es nicht. Ich könnte keine Sekunde etwas anderes tun, als vorm Fernseher, am Telefon, am Laptop zu sitzen und zu warten. Und dieses Warten würde mich auf eine andere Art genauso bedrohen, wie die Bomben hier.
Ich weiß nicht, ob ich genauso denke, wenn die nächste Bombe nicht mehr auf ein leer geräumtes Gelände, sondern ein Wohnhaus fällt. Ich weiß nicht, ob ich das Gleiche denke, wenn die Panzer hier sind. Ich weiß es nicht.
Das was jetzt zählt: das ist, dass Frieden einkehrt. Wichtiger als alle Diplomaten, die hier anreisen, und als alle UN-Verhandlungen ist, dass die Kinder wieder in Pyjamas in ihren Betten liegen. Und nicht in Mänteln.
Die letzten Tage hier, das war eine Agonie, ein Todeskampf, und ich hoffe, dass wir alle gesund wieder aus diesem Kampf erwachen können. Dafür brauchen die Menschen hier Hilfe. Sie brauchen deutliche Worte. Die Welt muss sagen, dass es im 21. Jahrhundert unter einer demokratischen Führung nicht sein darf, dass solch brutale Gewalt angewandt wird, dass Menschen sterben, dass ein ganzes Land von einem anderen Land okkupiert wird. Bomben fallen in diesen Minuten in ganz Georgien weiter: auf Universitätsgebäude, auf Krankenhäuser, auf Fabriken und auf Brücken. Während ganz Tiflis demonstriert, spricht die russische Regierung von "erreichten Zielen", vom "Beenden der georgischen Aggression und vom Schutz seiner Bürger."
Über Tschetschenien hat man geschwiegen; die, die darüber gesprochen haben, sind tot. Über Georgien darf man nicht mehr schweigen.
------------------------------
Foto: Nino Haratischwili, geboren 1983 in Tiflis, lebt als Regisseurin und Autorin in Hamburg. Zum Zeitpunkt des russischen Einmarschs in Georgien war sie bei ihren Eltern in Tiflis zu Besuch. Von dort hat sie uns gestern diesen Bericht übersandt.
http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2008/0814/feuilleton/0002/index.html