Friday, August 22, 2008

Sommerlager für Georgier

Nazionalisten in einer Stadt an der Neva haben vor alle georgische Punkte durchzusuchen
Polizei bevorzugt sich nicht einzumischen


Die "Bewegung gegen Illegale Immigration" hat anfang diese Woche angesagt, dass sie alle georgische Cafes, Restaurants, Casinos und andere Plätze, wo Georgier sich normalerweise versammeln, durchsuchen würden. Gleichzeitig, auf der Internetseite der Nazionalisten wurde ein offener Brief an den russischen Präsidenten Dimitry Medwedew veröffentlicht, mit der Bitte russische Georgier in die Lager für Flüchtlinge und Asylanten zu schicken. Das Verschaffen von Konzentrationslager könnte den Übergang zum Faschismus bedeuten.

Die Angrifspunkte an der Neva

- Jetzt werden noch die Routen der Durchsuchung bearbeitet, dafür sammeln wir Informationen über alle Lokale, die den Georgiern gehören und wir erstellen noch eine Liste von Georgiern die in St. Petersburg wohnen. Heutzutage ist das kein grosses Problem. In der St. Petersburger Abteilung der "Bewegung gegen illegale Immigration" wird nichts verheimlicht - wichtig ist, die Menschen die in der Nähe von den genannten Lokalen wohnen, darüber zu informieren, wer hier Geld verdient und welche kriminelle Situation in der Umgebung verschaffen. Die Menschen sind hier nicht dumm. Wenn man sie richtig informiert, werden sie selbst daran denken, was zu machen ist, um diese Lokale zu schliessen. Da die Polizei und Migrationsbehörden nichts dagegen tun, mussten sie selbst die Initiative in die Hand nehmen, erklärten die Mitglieder der Organisation.
- Ja, das ist unsere Initiative - sagte der Pressspeaker der Organisation Andrey Kuznecov. – Die Aufgabe unserer Organisation ist es, die Interessen der hiesigen Bewohner zu verteidigen, zu denen die Georgier natürlich nicht gehören. Wir befinden uns jetzt in der Situation, wo es einen Krieg zwischen Russland und Georgien gibt. Und wir finden es merkwürdig, dass einerseits Georgier unsere Soldaten in Ossetien töten und andererseits sie weiter Geld in unserem Land verdienen. Das ist wie im Krieg gegen Tschetschnien. Als wir da den Krieg geführt haben, gab es hier viele Punkte wo die Menschen aus Tschetschnien Geld verdient haben, und wer weiss wohin das Geld geflossen ist, vielleicht um Patronen zu kaufen.
- Aber ihr, ohne irgenwelche Beweise zu haben, vertieft den Konflikt auf enthischem Grund.
- Wir vertiefen nichts.
Wie man sieht, haben die jungen Nazionalisten nicht gehört was der Präsident Dimitry Medwedew zum Chef der MWDRaschid Nurgaliev gesagt hat „Es darf keine antigeorgische Bewegung wiederholt werden."
- Noch vor ein paar Tagen hat der Präsident gesagt: „ Die ausländischen Bürger, die in Russland wohnen dürfen nicht unterdruckt werden, besonders Georgier."
- Es darf nicht wiederholt werden, genau im Zusammenhang mit den Ereignissen, die sich vor zwei Jahren stattgefunden haben. Wegen verschiedenen Gründen wird es jetzt versucht, das gleiche zu vermeiden.
Die jungen Mitglieder der Organisation versuchen nichts, aber sie provozieren. Trotz allem reagiert die Polizei nicht.
- Die Polizei hat nicht vor Durchsuchungen in georgischen Casinos, Cafes und Restaurants zu verfolgen, – hat der Presssekretär der Polizei Wjatscheslaw Steptschenko kommentiert. – Wir werden uns nur dann einmischen wenn während der Durchsuchung ein Gesetzverbrechen stattfinden wird.
Mit anderen Worten, nur im schlimmsten Fall. Unschuldigkeitspräsumption ist hier nicht gültig, das ist klar. Die Liste ist noch nicht vertig, deswegen können die Georgier, die in St. Petersburg wohnen, sich über nichts beschwehren ausser Angst.
- Wir sind für das schlimmste vorbereitet und sind innerlich konzentriert, - teilen sie ihre Stimmung mit uns. - Wir benehmen uns ruhig und sind für alle mögliche Probleme vorbereitet. Das schlimmste ist, dass nichts voraussagbar ist, also man kann sich nicht im voraus versichern.



Dina Davidova

Wort für Wort aus dem Brief an den Präsidenten Dimitry Medwedew:

„Wir schlagen vor, die georgischen Bürger, die in Russland wohnen, als Menschen zu bezeichnen, die hier spionieren und für die Sicherheit des Landes gefährlich sind, was die Wirtschaft des Landes gefährdet.

Das Internieren kann in eine weiche Form durchgeführt werden, d.h. die Georgier können an den Plätzen bleibenm wo sie sind; sie müssen nur in den richtigen Behörden registriert werden. Aber es würde besser sein, wenn man sie in die Lager für Flüchtlinge und Asylanten übersiedeln würde. Solche Lager sind leicht aufzubauen und brauchen nicht so viele Ressoursen."

Die „Bewegung gegen illegale Imigration" ist eine extrem nazionalistische Organisation, die nicht gegen illegale Immigration kämpft, sondern zwischenethnische Konflikte vertieft. Diese Organisation wird auch von der Regierung unterstützt.

Monday, August 18, 2008

Beka erzählt: Wir leben in Kechwi, ich bin in der sechsten Klasse, Giga, mein Bruder in der fünften. Ich spiele Fußball und mache Kampfsport. Fußball habe ich in der Jugendmannschaft des Nachbardorfes Atschabeti gespielt. Ich liebe Fußball, meine Lieblingsmannschaft ist „Chelsea".
Es wurde erzählt, dass unsere Schule zerstört worden sei. Ich bin nie besonders gerne zur Schule gegangen, nur georgische Literatur ist mein Lieblingsfach gewesen.
Unsere Oma ist in Kechwi zurückgeblieben, genau wissen wir nicht, wie es ihr geht. Ob das stimmt, weiß ich nicht, aber man sagte, dass die russischen Truppen sich zurückziehen werden. Mein Vater hat mit meiner Oma telefoniert. Sie hat erzählt, dass eine gute Frau sie und andere Zurückgebliebene aufgenommen hat und es denen nicht schlecht geht. Es werden nur die Häuser angezündet, in denen man Soldatenuniformen und Waffen findet. Unser Haus soll noch stehen, es ist nur ausgeraubt.
Hier in Tiflis fühle ich mich nicht wohl, ich möchte zurück nach hause. Früher haben wir ein Jahr lang in Tiflis gewohnt, schon damals wollte ich zurück. Für mich ist in unserem Dorf alles heimlich. Meine ganzen Freunde kommen von dort. Aber wo die jetzt sind, weiß ich nicht. Nur über zwei Jungen weiß ich Bescheid. Ich war gestern beim Rathaus und habe dort einen Klassenkameraden von mir getroffen. Ich war froh, ihn zu sehen.


Brüder Beka und Giga, 11 und 10 Jahre alt

Saturday, August 16, 2008

Russisches Volk gegen russische Aggression

Am 8. August 2008 began Russland, unter dem Vorwand "der Beschützung seiner Bürger", eine Aggression gegen Georgien im Gebiet von Südossetien.
Laut "СМИ" hat die russische Militäraviation Gori bombardiert. Laut georgischer Offiziellen, bombardierten russische Flugzeuge Poti, Senaki, Zchinwali. Die russische "СМИ" bezeugten, die Fallschirmjäger "РФ" seien in Zchinwali eingesetzt.
Am 8. August, am Abend der Sitzung des Sicherheitsamtes der Vereinten Nationen gab der russische Botschafter Vitali Tschurkin zu, dass Russen georgische Territorien bombardierten. Am Anfang der russischen Aggression in Georgien verstärkte Russland anti-georgische Propaganda. Russische Medien sprachen nur noch von georgischen Militäraktionen in Südossetien, jedoch schwiegen sie vom Beschiessen und Bombardieren georgischer Dörfer seitens des Regimes von Eduard Kokoiti. Am 8. August wurden Webseiten der georgischen Regierung und der Rundfunkgesellschaft Rustavi 2 gehackt. Am 8. August veranstaltete die internationale Gesellschaft Мемориал eine Diskussion über das Vorwärtsschreiten der georgischen Militär in Zchinwali, das seitens der georgischen Offiziellen als ein "konstitutioneller Weg für Stiftung von Frieden" charakterisiert wurde (http://www.memo.ru/2008/08/08/0808081.html), aber was in Georgien auch geschehen sein sollte, hat Russland kein Recht auf fremdem Lande seine Militärkraft zu benutzen. Der Status der russischen Friedensstifter in Georgien ist durch verschiedene Regierungsabkommen bestimmt. Russland hat kein moralisches Recht mehr die friedensstiftende Mission in Abchasien und Südossetien zu führen, wo die russische Regierung Konflikte provozierte und Separatisten unterstützte. Und als russische Truppen zahlreiche, von Südossetien weit entfernte georgische Gebiete bombardierten und besetzten, wurde Russland ein Teil des Konflikts.
Präsident Medwedev behauptete, er sei verpflichtet das Leben der russischen Bürger zu beschützen, wo sie sich auch befänden. Jedoch, wie es im Artikel 5.1. der Resolution "Bestimmung der Aggression" von 14. Dezember von 1974 der Generalversammlung der Vereinten Nationen nochmals bestätigt ist, "Weder politische, noch ökonomische, noch militäre oder andere Gesichtspunkte dürfen der Rechtfertigung von Aggression dienen." Genauso wie in 1938 Nazi Deutschland die Invasion in die Tschechoslowakei mit der Beschützung der Interessen der dortigen deutschen Population rechtfertigte.
Geschichtliche Erfahrung hat uns gezeigt, dass die Einmischung unseres Landes in ausländische Affären unumgänglich ist, was, im Gegensatz zu "Hilfaktionen", zu unberechenbaren Schwierigkeiten führen. In 1979 sandte die sovjetische Regierung Truppen ins souveräne Afganistan unter dem Vorwand ihnen "brüderliche Hilfe zu erweisen". 100 000 Bewohner des Landes wurden Opfer der sovjetischen Armee. Heute hat eine Chekistengruppe, die in Russland regiert - Nachfahren der sovjetischen Regierung - die gleiche Aggression gegen das unabhängige Georgien begangen.
Der Einbruch in Afganistan führte zu dem, dass in diesem Lande seit Jahren großangelegte Gewalttätigkeiten und Bürgerrechtsverletzungen nicht zu stoppen sind und dass Kriege hier und dort immer noch aufblitzen. Die geschichtliche Entwicklung Afganistans hat sich verändert. Aus einem sekulären Staat verwandelte es sich in ein theokratisches. Die Taten des sovjetischen Managements führten zu einem scharfen Zuwachs der Popularität vom islamischen Fundamentalismus nicht nur in Afganistan, sondern auch in Pakistan und in den arabischen Ländern (erinnern Sie sich an die Allianz von "Taliban" und Alqaida).
Wenn die internationale Gesellschaft der russischen Aggression nicht Einhalt gebieten wird und wenn Georgien, das ein legitimes Recht für Selbstschutz ausführt, dies nicht versteht, wird Russland nicht nur Südossetien, sondern auch andere Teile von Georgien angreifen. Tatsächlich deklarieren viele verantwortungslose russische Politiker Ansprüche vom Kreml auf diese Gebiete.
Wir fordern eine sofortige Beendigung der Aggression gegen Georgien.
Unseres Erachtens, hat die Regierung von Russland, nachdem es noch einen blutigen Flecken auf die Reputation seines Landes gesetzt hat, vollends das moralische Recht verloren, im "G8" zu bleiben.
Wir fordern die Generalversammlung der Vereinten Nation, die Organisation für Sicherheit und Kooperation in Europa, die Parlamentversammlung des Europarats und andere internationale Instituten auf, Probleme der Aggression der russischen Regierung gegen Georgien in Acht zu nehmen.


Sergey Kovalev, Leiter der russischen Gesellschaft "Memorial", Leiter der Stiftung von A.D.Saharov
Dmitry Belomestnov, Journalist, Moskau
Stanislav Dmitrievsky (Nizhni Novgorod), Leiter der Gesellschaft für Russisch-Tschetschenische Freundschaft
Tatyana Monahova, Menschenrechtsverteidigering, Moskau
Elena Maglevannaja, Korrektorin, Volgograd
Michael Kriger, Leiter der Komität für Aktionen gegen Krieg, Moskau
Ivan Simochkin, jugendliche Bewegung "Defense", Moskau
Alexey Manannikov, Präsident der sibirischen interregionalen menschenrechtsverteidigenden Stiftung " Vena-89 ", Novosibirsk
Edward Glezin, Koordinator der russischen jugendlichen Bewegung «abarona" Moskau
Anton Chezhidov, aktiver Mitarbeiter des НДСМ
Dmitry Shusharin, Historiker und Journalist
Igor Drandin, РНДС
Vladimir Shaklein, Interregionales Zentrum für Menschenrechte — Ural branch OOD « For human rights »
Vladimir Sirotin, linker Sozialist
Larissa Volodimerova, Rechtexpert (auch Schriftstellerin und Publizistin), Holland, und ihre Organisation für Menschenrechtsverteidigung "Марекс"
Lev Ponomarev, Ausführender Direktor der gesammtrussischen sozialen Bewegung «For human rights»
Vladimir Panteleev, Politischer Gefangener in den 1970-76, Invalid der 2. Gruppe nach politischen Repressionen, Leiter der Gesellschaft von Nizhniy Novgorod für Opfer des kommunistischen Terrors
Sergey Sorokin, Leiter der Bewegung gegen Gewalt, Moskau
Anna Mikhailina
Felix Balonov, Kandidat für Geschichtswissenschaften, St.-Petersburg
Dmitry Vorobevsky, Herausgeber der Zeitung "Sedition", Mitglied der Demokratischen Union, Voronezh
Valentine Schulman, Arzt, Moskau
Raisa Grishechkina, Rostov-na-Don
Alexey Skripkin, Programmist, Kostroma
Alexey Yarema, Leiter der Groupe ЭРА, St.-Petersburg
Olga Mamay, Lehrerin, Moskau
Ekaterina Vorobeva, Historikerin-Archivistin, Moskau
Leonid Litinsky, Mathematiker, Troitsk
Elena Ryabinin, Mitarbeiterin der Komität « Civil assistance », Moskau
Suren Edigavov, Moskau
Andrey Zhelonkin, Journalist, Saransk
Natalia Gorbanevskaja, Menschenrechtsverteidigerin, Teilnehmerin an der Manifestation am 25. August 1968 in Moskau gegen den Enbruch der sovjetischen Armee in die Tschechoslowakei
Victor Fajnberg, Rechtsexpert, Teilnehmer an der Manifestation am 25. August 1968 in Moskau gegen den Enbruch der sovjetischen Armee in die Tschechoslowakei
Galia Koinash, Menschenrechtsgruppe in Kharkov
Oksana Chelysheva, Nizhni Novgorod
Elena Mikhaylovskaya, Hausfrau, Kharkov, Ukraine
Evgenie Rile, Moscow
Rpzalia Iskandarova, Journalistin, "г. Свет"

Thursday, August 14, 2008

Die Nächte in Tiflis - Ein Kriegstagebuch aus der georgischen Hauptstadt

Nino Haratischwili
Als ich in Tiflis in den Innenhof zu meiner Wohnung biege - es ist kurz nach elf und schon dunkel, ich war Zigarettenholen: unsichtbar, still, mit sich genauso still und unsichtbar bewegenden Menschen -, höre ich ein merkwürdiges Flüstern. Eine Schar von Frauen und Männern sitzt auf den Bänken und unterhält sich, aber in Georgien unterhalten sich Menschen normalerweise laut und gestikulierend, man hört sie aus zehn Metern Entfernung. Jetzt sitzen sie geduckt und flüstern. Man hört einzelne Wörter, in denen es immer wieder um das Gleiche geht: um Fassungslosigkeit, Ungewissheit. Die letzten fünf Tage haben die Gesten und den Tonfall verändert, ganz zu schweigen von der Verfassung der Menschen.

Ich habe das Gefühl, dass in Tiflis keiner mehr schlafen will oder kann. In den Höfen hat man kleine "Nachtwächtergruppen" gebildet, die den Schlaf der Kinder beschützen. Die Kinder liegen alle angezogen in ihren Betten, mit gepackten Taschen daneben: für den Fall eines Bombardements, für den Fall, dass sie fliehen müssen.

Seit der Eskalation des Konflikts zwischen Russland und Georgien - fast keiner spricht mehr von Tschinwali und Ossetien, davon, worum es eigentlich am Anfang ging - hat sich viel verändert. Obwohl es nur fünf Tage sind, erscheint es mir als eine Ewigkeit.

Es erscheint mir unfassbar, das all das hier wirklich geschieht: in Georgien, in einem Land, in dem Gastfreundschaft heilig ist, in dem man mit Wein und Gesang alle Konflikte ausräumen kann. Oder konnte. In einem Land, in dem man Dostojewski und Tschechow genauso liebt wie die eigenen Schriftsteller.

Die Gefasstheit der Menschen macht mir Angst. Wie sie einfach nur nicken und schweigen und versuchen, ihren Alltag zu meistern; nur ab und zu schütteln sie den Kopf oder fangen, vor den Fernsehbildschirmen sitzend, zu weinen an. Sie demonstrieren und singen und lachen dabei.

Ja, wir lachen noch.

Dienstagnacht schlugen auch in Tiflis Bomben ein. Es war gegen halb fünf in der Früh. Ich habe nicht geschlafen, und ich denke, ich war eine von vielen. Man hörte auf einmal die Flieger, das befremdliche Summen, dann gab es einen Knall. In den wenigen Sekunden zwischen dem Gekreisch und dem Warten auf den Knall versuchte ich einfach nur zu erraten, wo die Bombe fällt, welche Menschen, Freunde, Familienmitglieder sie treffen wird.

Die Angst verändert nicht nur den Tonfall und die Gesten, sie ändert alles. Sie scheint alles nichtig zu machen, sinnlos: die Arbeit, die Werte, das, was man liebt. Aber vielleicht macht einen die Angst, wenn man ihr eine Weile standhält, auch furchtlos. Vielleicht.

Anders kann ich mir nicht erklären, wie das sein kann: dass wir um fünf in der Früh in unserem Wohnzimmer sitzen, meine Familie, unsere Nachbarn und ich, und Kaffee trinken und darauf warten, dass die nächste Bombe fällt - und dabei noch lachen können. Als der Nachbarjunge aus dem Internet erfährt, dass die Bombe auf einen Kontrollpunkt für Passagierflugzeuge geworfen wurde und es keine Toten gab, macht er eine Bemerkung, auf die wir so laut lachen, dass ich mich wieder zu Hause fühle: im Land des lauten und zügellosen Gelächters. Der Junge sagt: Der Flieger sei so niedrig geflogen, dass er dem Pilot die Hand hätte schütteln können.

Auch heute Nacht hoffen wir, dass wir am Morgen noch lachen können.

In den ersten Tagen sagte man: der Süden sei sicher. Dann hieß es: es sei der Westen. Heute merkt man, wie sich alle mit der Lage abgefunden haben. Keiner spricht mehr von Flucht oder davon, sich irgendwo bei Verwandten auf dem Land zu verstecken. Niemand will irgendwo anders hin - bis auf die Eltern, die ihre Kinder in die Sommerferien mit ihren Großeltern aufs Land geschickt haben und nun nicht zu ihnen kommen können: weil Straßen gesperrt sind, überall russische Panzer stehen, weil man nicht weiß, wo die nächste Bombe fällt. Diese Eltern denken nur an eins: Sie wollen nach Gori, in die zu Schutt und Asche zerbombte Stadt und die Dörfer herum: um ihre Kinder zu holen, die sich mit den Großeltern in Kellern verstecken.

Ich lebe im Westen, ich pendle zwischen den Welten: zwischen meiner Arbeit in Deutschland und den heißen georgischen Sommern. Der Krieg ist mir dennoch nicht fern. Die Generation meiner Eltern ist fast gänzlich an Abchasien, dem russischen Militär, an Heroin, an Arbeitslosigkeit, an Chaos, an Perspektivlosigkeit oder an Emigration zerbrochen. Meine Generation hat es trotz allem geschafft - zu überleben und erwachsen zu werden. Die Mütter und Väter, die noch da waren, haben uns durchgebracht: durch Dunkelheit, Inflation, Armut und Hunger. Wir haben sogar Fremdsprachen gelernt, westliche Kultur, ab und zu sogar einmal unsere Chancen ergriffen.

Wir erinnern uns an die Einschulung 1989 - und damit an die russischen Panzer in Georgien, als wir den Austritt aus der zerfallenden Sowjetunion verlangten. Als der Aufstand der Zivilbevölkerung mit Macheten und Gewehren niedergeschlagen wurde. Wir erinnern uns, wie unsere Stadt brannte. Wir erinnern uns an die Neunziger: an Tschinwali und an Abchasien, als unser Land gegen sich selbst kämpfte, als auch dort die russischen Panzer eintrafen und der Krieg zu tausenden Toten, tausenden Flüchtlingen und tausenden Verzweifelten führte.

Wir erinnern uns an unsere Jugend: in einem freien, aber armen und korrupten Land unter Schewardnadse. Wir erinnern uns an die Rosenrevolution und die ganzen Umwälzungen, die darauf folgten. Sie waren nicht ohne Fehler und immer noch fern von europäischer Demokratie. Aber es waren unsere Umwälzungen. Ohne Nachhilfe von russischen Panzern.

Man nennt uns die Kinder der verlorenen Generation. Jetzt will jeder Nacht für Nacht die Wache in den Höfen halten, damit die Kinder von heute ihre Eltern dereinst nicht auch als verloren bezeichnen müssen.

Georgien ist müde. Georgien will einfach nur seinen Frieden.

Jeder Konflikt besteht aus Tausenden von Aspekten, und es gibt Tausende von Interessen, die eine Rolle spielen. Aber die Städte, die zerbombt werden, die Menschen, die getötet, verwundet oder vertrieben wurden, haben damit nichts zu tun. Kein Interesse von keiner Seite kann das alles rechtfertigen.

Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass Russland wieder zu seinem einstigen Imperialismus zurückkehren will - weswegen Gebiete, die seit Urzeiten zu Georgien gehörten wie Abchasien und die Tschinwaliregion, nun wieder von den Russen kontrolliert werden. Und weswegen sie an Ossetier und Abchasen russische Pässe verteilen - unter dem Vorwand, so die ethnischen Minderheiten zu schützen. Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass Russland die Pipelines, die durch Georgien ans Schwarze Meer führen, nicht unkontrolliert lassen will. Oder ob es einfach die jetzige georgische Regierung ist, die der russischen Regierung missfällt. Können all diese Gründe wirklich erklären, warum das passiert ist, was in den letzten Tagen passierte?

Wir sind ein uraltes Volk, ein uraltes Land. Wir müssen Fehler machen dürfen und aus unseren Fehlern lernen können, ohne Angst zu haben, dass man uns gleich okkupiert. Im Juli, als ich hier ankam, um den Sommer zu genießen, waren alle Optimisten. Alle versuchten ihr Leben zu meistern, was auch ohne russische Panzer nicht einfach ist - nach 70 Jahren Kommunismus und 15 Jahren Chaos. Trotzdem waren die Menschen zuversichtlich. Heute gehe ich durch die Stadt und sehe finstere Mienen, ausweichende Blicke.

Es herrscht Ungewissheit heute Nacht. Manche sprechen von russischen Panzern vor Tiflis, manche sagen, es sei unsere Armee, die uns schütze. Manche sprechen davon, dass der Internationale Flughafen bombardiert werden soll. Manche sprechen von einer Blockade. Und manche fürchten sich davor, dass es in den Läden bald kein Essen mehr zu kaufen gibt. Manche schweigen einfach nur und leben von Stunde zu Stunde, von einer Nachrichtensendung bis zur nächsten.

Anrufe und Mails erreichen mich aus Europa, und ich gebe die Anteilnahme weiter. Hier fragen mich die Menschen, wie Europa reagiert. Ich frage das meine Freunde dort, und sie zucken mit den Schultern. Georgier wie Europäer glauben nicht daran, dass der Westen sich wegen uns mit Russland anlegt. Und man schaut einfach voller Entsetzen weiterhin auf die Leichen, die Verwundeten, die Flüchtlinge im Fernseher.

Man fragt mich auch, ob es nicht besser wäre, schnellstmöglich nach Deutschland zurückzufliegen und sich dort in Sicherheit zu bringen. Abgesehen davon, dass der Luftverkehr eingestellt ist, dass keine westliche Linie mehr das Land anfliegt - ich stelle mir diese Frage auch. Zurück in den Westen, in meinen sicheren Hafen . All diese Nächte und Nachtwachen zurück lassen und einfach nur schlafen .

Ich habe mich bis jetzt nicht unbedingt für eine blinde Patriotin gehalten. Ich lebe schließlich seit Jahren in Europa und fühle mich dort wohl. Ich habe kritische Gespräche mit Freunden in Deutschland über mein Land und dessen Politik geführt, aber immer bei einem guten Glas Sauvignon oder in einer schönen Runde, bei einem guten Italiener. Niemals in einer zerbombten Stadt, mit Leuten, die nicht wissen, was die nächsten Minuten mit sich bringen. Jetzt merke ich, dass ich hier fest sitze. Ich kann nicht fort. Selbst wenn ich einfach so gehen könnte, ich täte es nicht. Ich könnte keine Sekunde etwas anderes tun, als vorm Fernseher, am Telefon, am Laptop zu sitzen und zu warten. Und dieses Warten würde mich auf eine andere Art genauso bedrohen, wie die Bomben hier.

Ich weiß nicht, ob ich genauso denke, wenn die nächste Bombe nicht mehr auf ein leer geräumtes Gelände, sondern ein Wohnhaus fällt. Ich weiß nicht, ob ich das Gleiche denke, wenn die Panzer hier sind. Ich weiß es nicht.

Das was jetzt zählt: das ist, dass Frieden einkehrt. Wichtiger als alle Diplomaten, die hier anreisen, und als alle UN-Verhandlungen ist, dass die Kinder wieder in Pyjamas in ihren Betten liegen. Und nicht in Mänteln.

Die letzten Tage hier, das war eine Agonie, ein Todeskampf, und ich hoffe, dass wir alle gesund wieder aus diesem Kampf erwachen können. Dafür brauchen die Menschen hier Hilfe. Sie brauchen deutliche Worte. Die Welt muss sagen, dass es im 21. Jahrhundert unter einer demokratischen Führung nicht sein darf, dass solch brutale Gewalt angewandt wird, dass Menschen sterben, dass ein ganzes Land von einem anderen Land okkupiert wird. Bomben fallen in diesen Minuten in ganz Georgien weiter: auf Universitätsgebäude, auf Krankenhäuser, auf Fabriken und auf Brücken. Während ganz Tiflis demonstriert, spricht die russische Regierung von "erreichten Zielen", vom "Beenden der georgischen Aggression und vom Schutz seiner Bürger."

Über Tschetschenien hat man geschwiegen; die, die darüber gesprochen haben, sind tot. Über Georgien darf man nicht mehr schweigen.

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Foto: Nino Haratischwili, geboren 1983 in Tiflis, lebt als Regisseurin und Autorin in Hamburg. Zum Zeitpunkt des russischen Einmarschs in Georgien war sie bei ihren Eltern in Tiflis zu Besuch. Von dort hat sie uns gestern diesen Bericht übersandt.



http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2008/0814/feuilleton/0002/index.html
Da sind jetzt Osseten und ziehen plündernd und raubend herum. Sie nehmen Autos und das Vieh mit. Man sagt,es gibt drei Getötete, aber wer weiß die Wahrheit?!
Wir sind mit Minibuss gefahren.Unser Nachbar hat uns mitgebracht. Die anderen, die da geblieben sind, können nicht den Ort verlassen und verstecken sich in den Gärten. Sie sind hungrig, haben kein Essen und kein Wasser. Die Osseten und die Soldaten vernichten alles und töten die Menschen. Was können wir machen? Wir haben kein Zuhause mehr. Ich habe kleine Kinder und zwar vier.
Mein Haus ist nicht zerstört, noch nicht. Wir wissen nicht, was im Moment da passiert, wir können uns mit den anderen nicht verbinden.



Eine Flüchtlingin
Mein Mann und sein Bruder sind Polizisten. Als die Situation unstabil wurde, haben ich und mein dreijähriges Kind das Haus verlassen. Mein Mann hatte Angst, dass unser kleines Kind wegen des grausamen Lärms vom Schiessen Stress bekommen und das alles sein Nervensystem schlecht beeinflussen konnte. Dann waren wir in Karbi, das ist auch ein Dorf von Gori. Da wohnen meine Eltern. In Kechwi wohne ich mit meinem Mann und meinem Kind .Aber bei meinen Eltern war ich auch nicht sicher, weil dieses Dorf auch bombardiert wurde. Meine Eltern und ich mit meinem kleinen Kind wohnen jetzt in Tbissi bei meiner Tante,aber da gibt es nicht genug Platz für alle. Dann haben wir in Bagebi paar Zimmer gefunden. Der Bruder meines Mannes wurde gerettet, weil er eine Sicherheitsweste trug. Meine Schwiegermutter ist unterwegs gestorben. Das Auto, womit sie fuhr wurde auch bombardiert. Da saßen, soweit ich weiß, fünf Menschen, zwei sind gestorben. Eine war meine Schwiegermutter, den anderen kann man nicht finden. Meine Schwiegermutter haben wir in Karbi begraben.
Es gibt verschiedene Informationen. Manche sagen, dass unser Haus schon vernichtet ist. Wissen Sie was sie mit unseren Häusern machen? Zuerst plündert und dann verbrennt man sie. Ich weiß nicht genau, selbst habe ich nicht gesehen.


Maja Tewdoraschwili aus Kechwi
Ich wohne in der Stadt Gori, in der Moskowistraße. Es gibt viele Getötete. Das Wohnheim des Kombinats ist zerstört worden. Die Fensterscheiben von fünf Wohnungen sind absolut zerbrochen. Sechs oder sieben Getötete sind unter den zerstörten Häusern, es ist noch nicht möglich sie herauszubringen. Unter denen sind auch Flüchtlinge. Zur Zeit wohnen wir im Wohnheim. Aber ist das eine Wohnung?
Unsere Wohnung ist völlig zerstört und braucht Wiederaufbau.
Unsere Wohnungen sind alle zerstört.
Das ganze Gori ist leer, niemand wohnt da. Wir sind die ganze Familie geflüchtet.
Wir haben unser Haus verlassen, seitdem man zu bombardieren begann.


Lena Markosischwili aus Gori